Arsen und Spitzenhäubchen
Heidenheimer Zeitung / HNP - 9. November 2010
Holunderwein mit heftigen Nebenwirkungen
Premiere gelungen: Im Sasse-Theater gibt\'s jetzt bis kurz vor Weihnachten „Arsen und Spitzenhäubchen“
Mutig waren sie schon immer, die rührigen Theaterleute von der „Sasse“ in Schnaitheim. Diesmal konnte man einen äußerst vergnüglichen Theaterabend bei der Premiere von „Arsen und Spitzenhäubchen“ erleben.
Die beiden schrulligen alten Ladys Abby und Martha Brewster, glänzend gespielt von Erika Welches und Heidi Pfeffer, hatten natürlich Leichen im Keller.
Geschlagen mit mehreren Neffen, etwa dem verwirrten Teddy, der sich für seinen Namensvetter Roosevelt hielt. Christof Kicherer verstand es, dieser scheinbar vordergründigen Lachnummer Kontur und Ausstrahlung zu geben. Seine Treppenrennerei mit Trompetenstößen und „Attacke“-Geschrei erlebte man gleichsam als Überleitungen zu den einzelnen Handlungssträngen in der rasanten wie schrägen Komödie.
Neffe Mortimer, der Theaterkritiker, hatte andere Sorgen. Die hübsche Pfarrerstochter Elaine – liebenswürdig und reizend in dieser Rolle Daniela Bossert – wollte er zwar sofort „noch heute Abend“ heiraten, doch seine Schweißtropfen auf der Stirn kamen von der gruseligen Entdeckung in der Truhe im Wohnzimmer. Mr. O\'Hara (Gerald Becker) verhinderte durch weitschweifiges Zitieren aus seinem geplanten Buch weitere grausige Entdeckungen. In all dem Durcheinander wirkten die beiden charmanten Giftmischerinnen als Wohltäterinnen, die einsame alte Herren von der Last ihres irdischen Daseins befreien wollten.
Da traf es sich gut, dass „Teddy Roosevelt“ im Keller des Hauses „am Panama-Kanal baute“. Die Gräben erwiesen sich als Gräber, worin sich die mittels „Holunderwein“ erlösten Mühseligen ausruhen konnten.
Mortimer, mit viel Temperament und Spielwitz dargestellt von Robert Makowitzki, war auch über den Besuch seines Cousins Jonathan nicht gerade begeistert. Armin Dömel spielte den sinistren Gaunertyp mit enormer Bühnenpräsenz. Von seinem Begleiter Dr. Einstein – herrlich linkisch Michael Waibel – mit Gesichtsoperationen zur Horrorfigur operiert, wollte er sich auf der Flucht vor der Polizei bei den beiden Tantchen niederlassen und gleichzeitig die mitgebrachte Leiche von Gangster „Spinalzo“ entsorgen.
Robert Makowitzki gelang es, einen fast überforderten Mortimer darzustellen, der zunächst das gruselige Hobby seiner Tanten, die keinerlei Unrechtsbewusstsein plagte, zu verkraften und seinen Cousin Teddy zum Umzug ins Heim „Glückliches Tal“ zu überreden hatte. Die Polizisten Brophy und Klein (Markus Beuther und Felix Rieck) samt Lieutenant Rooney (Gaby Rieck) konnten den „Präsidenten“ aber erst mitnehmen, nachdem Mortimer ihm erklärte, seine Amtszeit sei zu Ende. Gangster Jonathan musste jedoch zähnefletschend den Beamten folgen. Es gelang Mortimer, alle Brewsters der Polizei gegenüber als geisteskrank darzustellen und er beruhigte Elaine, er sei zudem ein „Bastard“. Der Hochzeit stand somit nichts mehr im Wege.
Ein von Ingrid Bossert und Ulf Koepsel schwungvoll und turbulent inszeniertes Stück, das die komödiantische Kompetenz der „Sassen“ deutlich zeigt. Heimchef Witherspoon (Ulrich Bossert) durfte sein „letztes Glas“ Holunderwein trinken – und die beiden philantropischen Ladys können weitermischen. Unbedingt ansehen.
Hans-Peter Leitenberger
Schwäbische Post 10.11.2010
Sie lassen nichts anbrennen
Mit „Arsen & Spitzenhäubchen“ setzte Schnaitheimer Sasse den Auftakt für einen vergnüglichen Theaterwinter
Das Rezept ist so einfach wie wirkungsvoll: Auf ungefähr vier Liter Holunderwein kommen ein Teelöffel Arsen, ein halber Teelöffel Strychnin und eine Prise Zyankali – ein Cocktail, der jeden unter die Erde bringt, beziehungsweise in den Keller von Martha und Abbey Brewster.
Mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ setzte die Schnaitheimer Amateurbühne Sasse den Auftakt für einen vergnüglichen Schnaitheimer Theaterwinter. Schon Jahre liebäugelten die Sasse-Regisseure Ulf Koepsel und Ingrid Bossert mit dem skurrilen Theaterklassiker, doch es mangelte bisher an ausreichend und geeigneten Schauspielern, insbesondere an zwei „tutteligen alten Damen“.
Das Besetzungsproblem konnte dieses Jahr, dank Erika Welches (Abbey Brewster) und Heidi Pfeffer (Martha Brewster) und eines Dreifacheinsatzes von Gerald Becker (Dr. Harper, Mr. Gibbs, O’Hara), erfolgreich gelöst werden. Bühne frei also bei der Sasse für die wohl liebenswürdig verpackteste Mordgeschichte der Theaterliteratur.
Sind sie nicht einfach reizend, allenfalls manchmal ein bisschen zu aufdringlich, die beiden Brewster-Schwestern, wie sie mit hoher Stimme, wedelnden Händen und Trippelschritten Tee kochen, Plätzchen mit Marmelade servieren, und es überhaupt gut mit ihren Gästen meinen? Das dachte auch Neffe Mortimer, bis er unversehens im Wohnzimmer seiner Tanten in der Truhe unterm Fenster eine Leiche entdeckt. Damit kommt ein Stein ins Rollen, der nicht nur jede Menge Leichen im Keller aufdeckt, sondern tief in die Vergangenheit der Brewster-Familie blicken lässt.
In eigenwillige Biographien sind die Figuren des Stücks verstrickt: So hält sich der psychisch angeschlagene Neffe Teddy für Präsident Roosevelt; der kriminelle Jonathan, der ebenso viele Tote wie seine Tanten auf dem Kerbholz hat, ist auf der Flucht vor der Polizei; und Cop O’Hara sucht Anerkennung als Bühnen-Autor.
„Arsen und Spitzenhäubchen“ entstand 1942, Autor Joseph Kesselring griff in dem Stück nicht nur politische und soziale Themen auf, er baute zudem eine Liebesgeschichte und eine Parodie aufs Theater ein.
Die Schnaitheimer Inszenierung macht das, was sich anbietet, sie „badet“ in den unterschiedlichen Lebensläufen: Die im billigen Gangsteranzug auftretenden Bösewichte Jonathan und Dr. Einstein bilden dabei einen effektvollen Kontrast zu den „spitzenbesetzten“ Tantchen. Ausgiebig darf der abgedrehte Teddy (Christof Kicherer), seinen Roosevelt-Fantasien nachgehen und im Keller Schleusen für den Panama-Kanal graben.
Am Ende ist es der vernünftige Mortimer, alias Robert Makowitzki, der das Stück zusammenhält, weil er auf jeder Linie glaubhaft den Überblick bewahrt. Auch wenn er es nicht schafft, die Brewster-Schwestern davon abzuhalten, die rote Flasche mit dem Holunderwein wieder zum Einsatz zu bringen.
Adelheid Wörner

