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Chatroom

Heidenheimer Neue Presse - Heidenheimer Zeitung

 

HNP 25.06.08

Die Macht von Web und Worten
Sasse-Jugend überzeugte bei der Premiere von „Chatroom“ mit tollem Spiel – und unterzogen die Zuschauer einer Schocktherapie


Prägend, eindrucksvoll gespielt, genial - alle diese Lobesworte fallen einem bei der kürzlichen Premiere des Sasse-Theaters ein. „Chatroom" führt einmal mehr vor Augen, dass Worte Macht sind - und in Zeiten von Internet und Chatrooms umso mehr. Für alle, die das Stück noch nicht gesehen haben: Es lohnt sich.

„Die verdammten Besserwisser" heißt der Internet-Chatroom von William, Jack, Eva und Emily. Sie alle suchen hier nach einem Sinn im Leben, wollen bedeutungsvoll sein.

Doch dann findet der depressive Jim (Moritz Koepsel) mit seinen echten Problemen den Weg in den Chatroom. Er sucht nach einer Lösung, einem Ausweg aus seinen Schwierigkeiten - und trifft auf William (Hannes Köck) und Eva (Anna-Lena Czichon), die ihm, nur so zum Zeitvertreib, Selbstmord einreden wollen. Als „ein Zeichen der unterdrückten Jugend".

Aber es gibt doch auch Freunde, Familie, Glück, Gründe, zu leben, halten Jack (Benny Hessenhauer), Emily (Julia Koepsel) und Laura (Julia Peterke) entgegen - und werden von den anderen dafür massiv angegriffen. Für die Jugendlichen ist alles nur ein Spiel. Dass hinter dem anonymen Jim des Chatrooms ein Mensch steckt, das sehen sie nicht.

Jims Entscheidung und sein damit verbundener letzter Monolog war, ohne das Ende verraten zu wollen, eindrucksvoll und zudem äußerst authentisch gespielt. Überhaupt schien dieses herbe, aktuelle und zeitkritische Theaterstück den jugendlichen Sasse-Schauspielern auf den Leib geschnitten zu sein. Freilich auch deshalb, weil der Altersunterschied zwischen Charaktere und Darsteller nur sehr gering ist. Dennoch erforderte es schauspielerisches Können, sich in die teilweise sehr schwierigen Rollen hineinzuversetzen.
Vor allem Hannes Köck (William) holte aus seiner etwas eindimensionalen Rolle mit seiner tollen Mimik alles heraus: der Zorn des Rebellen, Langeweile und Hinterlist. Manchem Zuschauer mögen die vielen derben Schimpfwörter wenig behagt haben, die aber, klug eingesetzt, das Stück und seine Charaktere authentisch machten. Die abrupten Gefühlsausbrüche wurden äußerst überzeugend dargeboten.

Natürlich darf man bei all dem Lob nicht die beiden Regisseure Dorit Zabka und Volker Schnabel vergessen, ohne die das Ganze sicher nicht möglich gewesen wäre. Obwohl das Stück teilweise auch etwas unrealistisch und einschichtig ist, regt es doch sehr zum Nachdenken an. Denn die Anonymität des Internets birgt auch so seine Gefahren. Und diese kleine Schocktherapie mag zuweilen ganz heilsam sein.

Moira Cameron


HZ 24.06.08

Elektronische Anonymität
Im Sasse-Theater hatte das Jugendstück „Chatroom“ Premiere


Das englische „to chat“ bedeutet eigentlich „tratschen“, und das ist in der Regel nicht gefährlich. Bedenklich wird es dann, wenn der Klatsch in der elektronischen Anonymität des „Chatrooms“ stattfindet. Der Nordire Enda Walsh hat dieses in jeder Hinsicht ergreifende Stück geschrieben, das am Samstag unter der Regie von Dorit Zabka und Volker Schnabel in der Sasse von engagiert spielenden Jugendlichen dargeboten wurde.
In weiße Overalls gehüllt, austauschbar und unverbindlich treffen sich vier Jugendliche zum quatschen, ohne sich zu kennen oder gar zu sehen. William, mit seinem Sarkasmus glänzend dargestellt von Hannes Köck, scheint sich als Anführer zu geben, der den dicklichen Jack, eindringlich gespielt von Benny Hessenauer, ständig als Opfer seiner Menschenverachtung missbraucht. Immer muss man sich vergegenwärtigen, dass die Akteure sich ja nicht sehen, wenn sie die „Scheinwelt“ attackieren. Zu bizarrer Musik wurde da die Kinoverlogenheit und die Schlagerwelt auseinandergenommen.

„Die verdammten Besserwisser“ nennt sich der Chatroom, und Eva, glänzend gespielt von Anna-Lena Czichon, will zusammen mit Emily, sehr subtil dargestellt von Julia Koepsel, eigentlich nur den täglichen Teenie-Frust loswerden, hier, in der Anonymität. Laura will dagegen nur zuhören. Julia Peterke gab dieser Rolle mit viel selbstkritischen Untertönen Charakter und Charme. Hinter der coolen Fassade und den drastisch-derben Sprüchen brodelt es gewaltig, als Jim erscheint. Moritz Koepsel hat eine tragende Rolle als depressiver Teenie zu spielen und machte das großartig.

Verletzlich, sensibel und sympathisch präsentiert er Jim, der als Sechsjähriger vom Vater einfach stehengelassen und von der Mutter als Feigling beschimpft wurde. „Keine Ratschläge“ heißt es hart von seiten der anderen Chat-Teilnehmer, die über „Magersucht als Statussymbol“ schwadronieren. Lediglich Laura – „das ist mein richtiger Name“ – scheint sich um den sinnsuchenden Jim zu kümmern. William dagegen will „ein bisschen an ihm herumklempnern“. Jim solle doch „für alle Teenager sprechen“ und sich vor der Webcam umbringen, das sei doch „sexy und romantisch“, so William zynisch.

Spätestens jetzt läuft es einem eiskalt über den Rücken und man freut sich gleichzeitig über die stimmige, einfühlsame Spiel der sechs jungen Könner. Laura erreicht schließlich doch, dass Williams Arroganz und Machtwille ad absurdum geführt werden, bevor Jim, jetzt allein in T-Shirt und Jeans, ohne den weißen Kokon zu einem glänzenden Schlussmonolog ansetzt. Hier zeigte Moritz Koepsel nochmals sein mitreißendes, intensives Spiel. Ein Warnschuss für unbedarfte „Chatter“, der viele erwachsene Zuschauer ermutigte, sich fortan mehr um die Internetaktivitäten ihrer Teenies zu kümmern.

Hans-Peter Leitenberger

„Seien Sie nie mit einer einzigen Meinung zufrieden.“

George Bernhard Shaw

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