Die Nächsten, Liebe?
Heidenheimer Zeitung - Heidenheimer Neue Presse - Schwäbische Post
HZ 28. Okt. 08
Pfarrhaus wird zum Sündenpfuhl
Premiere im Sasse-Theater Heidenheim: „Die Nächsten, Liebe?" von Joan Shirley
Es kann der Friedlichste nicht in Frieden leben, wenn die Nachbarin zu allen Gelegenheiten mit der Frage „Stör i grad?" auftaucht, insbesondere dann nicht, wenn sie mitten in die heikelsten Wohnzimmersituationen platzt, die man sich nur denken kann. So geschieht das derzeit in der Komödie „Die Nächsten, Liebe?" von Joan Shirley, mit der das Sasse- Theater in Schnaitheim am Samstagabend Premiere feierte.
Die Komödie besteht aus zwei Akten: Im ersten brocken sich die fünf weiblichen Hauptfiguren eine Suppe ein, die sie im zweiten auslöffeln müssen. So weit, so bekannt. Was nun den feinen Unterschied bereitet, ist die Tatsache, dass die Damen im Laufe des Stücks - sehr zum Vergnügen des Publikums - immer mehr Appetit bekommen. Und am Ende kaum mehr von der „Suppe" lassen können.
Da sind zunächst einmal Dorfpfarrer Robert (Dietmar Schulz) und seine Gattin Betty (Erika Welches), die sich in dröger Eintracht und liebender Zwietracht herzlich zugetan sind. Pleite sind sie auch noch. Die Hormone liegen ganz im Keller, nur „die Rechnungen - die kommen immer noch regelmäßig".
Als der „Kater" das Haus verlässt, und zu einem theologischen Lehrgang entschwindet, beginnen die „Mäuschen" auf dem Tisch zu tanzen. Der halbseidene Lebemann Joe (Robert Makowitzki) und seine „Messe-Bekanntschaft" Selina (Sabine Reiner) mischen das verschlafene dörfliche Leben gehörig auf. Und da dauert es nicht lang, bis die umtriebige Betty das ganze Pfarrhaus mithilfe ihrer Freundinnen Cindy (Laura Becker), Kathy (Birgit Seidenleder) und Babsy (Heidi Pfeffer) für eine Woche in ein Bordell verwandelt hat, besser gesagt in ein „Etablissement" - zunächst aus ganz ehrbaren Motiven: Rechnungen zahlen, Cello für die Tochter kaufen oder Studium des Sohnes finanzieren.
„Stör i grad?" wirft Nachbarin Berta (Rita Ruoff) immer wieder in die Runde. Und in der Tat, können die verrückt gewordenen Weiber allmählich Störungen aus der moralischen Ecke überhaupt nicht mehr vertragen.
Dem Regiepaar Ingrid und Ulrich Bosse gelingt mühelos eine Anverwandlung des frivolen, aber nicht schlüpfrigen Stoffes, auf schwäbische Verhältnisse, sodass bei dieser erotischen Komödie für Erwachsene beim Zuschauer kein Auge trocken bleibt. Für schwäbischen Wortwitz sorgt vor allem Birgit Seidenleder, die in ihrer Rolle von der schwäbischen Bäuerin zur Professionellen geradezu aufzugehen scheint - Stichwort: „Burdizzo-Zang?", alles weitere lässt sich kaum verraten.
Als eigentlicher Motor des bunten Treibens erweist sich Welches, der die Rolle der immer weiter aufdrehenden Pfarrersgattin wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint: Mit überschäumender Energie, Spielwitz und dem Gespür für jede sich bietende Situationskomik, treibt sie das ganze Ensemble voran. Und bringt rechtzeitig zum Happy End selbst ihren hormonell daniederliegenden Gatten wieder in Schuss.
Makowitzki als Joe hat\'s da nicht leicht, gegen dieses vehement rotierende Weiberkabinett anzukommen. Denn auch Laura, Heidi und Selina lassen sich von Bettys Schwung immer mehr befeuern. Ganz zu schweigen von „Stör i grad?"-Berta (Rita Ruoff).
Makowitzki schlägt sich aber als „Quotenmann" mehr als gut und tapfer durch diesen heiteren Schwank, der auch eine leise sozialkritische Note nicht vermissen lässt. Dass das Publikum sich ob solcherlei Zutaten begeistert zeigt, ist nicht nur zwangsläufig, sondern in diesem Falle auch noch wohl verdient.
Holger Scheerer
Wenn die Pfarrersfrau mit dem Manager
Unter Regie von Ingrid und Ulrich Bossert feierte die Komödie „Die Nächsten, Liebe?" Premiere im Schnaitheimer Sasse-Theater
„Nur für Erwachsene" sollte es sein, Joan Shirleys Stück „Die Nächsten, Liebe?", und bei der Premiere in der Schnaitheimer Sasse wurde auch bald klar, warum: Mit derbem Humor und viel versteckter und nicht ganz so subtil dargebotener Erotik wurden die überaus zahlreichen Gäste gut unterhalten - selbst wenn das Stück nicht unbedingt anspruchsvoll daherkam.
Ein etwas verbohrter Pfarrer, seine aufmüpfige Frau, die gerne „scharfe Geschichten" schreibt, ein von Geistern heimgesuchter Nachtclub-Besitzer und die neugierige und ständig störende Nachbarin: In der Tat sind es exzentrische Gesellen, die uns da in „Die Nächsten, Liebe?" begegnen. Und doch mögen sie uns irgendwie verdächtig bekannt vorkommen.
Pfarrer Robert Anders, gespielt von Dietmar Schulz (der sich ja auch erfolgreich als Dichter von Liebeslyrik versucht), hat Geldsorgen, über die sich hauptsächlich seine Ehefrau Betty (derbe-charmant von Erika Welches) den Kopf zerbricht.
Als der früher so lebenslustige, heute aber eher biedere Ehemann für eine Tagung vier Wochen lang außer Haus ist, beschließt Betty zusammen mit zwei Freundinnen, einer amerikanischen Studentin und der Hostess Selina das eigene Zuhause in ein Edelbordell umzufunktionieren.
Und schon nehmen die üblichen Missverständnisse und Verwechslungen ihren Lauf. Da werden aus Versehen Sexspielzeuge für den Flohmarkt der Pfadfinder bereitgestellt und von der nervenden Nachbarin Berta (herrlich schwäbisch: Rita Ruoff) abgeholt und die Luftpumpe wird als „Luststeigerungsmittelchen" zweckentfremdet.
Die eigentlich anrührenden Geschichten hinter den „Prostituierten auf Zeit" geraten dabei schnell in den Hintergrund: Bäuerin Kathi (Birgit Seidenleder) möchte ihrer Tochter endlich den Wunsch nach einem Cello erfüllen, Ladenbesitzerin Babsi (Heidi Pfeffer) versucht dem Sohnemann die bestmögliche Schulbildung zu bieten und die junge Studentin Cindy (Laura Becker) kämpft für ihr Kind in Amerika.
Weniger ehrenhaft ist da ausgerechnet die Motivation von Pfarrersgattin Betty: „Ich will nicht alles, nur reich sein!" Warum auch nicht? Und so nimmt das Geschäft im Edelbordell seinen Lauf. Die amerikanischen Manager strömen nur so in das Haus des nichtsahnenden Pfarrers und die Gemeinschaftskasse der Hausfrauendirnen klingelt. Zwischen Tiger-Handschellen und Federboas bahnt sich dann auch zu allem Übel noch eine Romanze zwischen Nachtclub-Besitzer Joe (brillant gespielt von Robert Makowitzki) und der naiven Cindy an.
Und so wurde es am Samstag während der zweistündigen Spielzeit zu keinem Moment langweilig, was nicht nur an der amüsanten Geschichte, sondern vor allem auch an den komödiantischen Leistungen der Darsteller (speziell die von Erika Welches und Joe Schreiner) lag.
Und so ist „Die Nächsten, Liebe?", wenn auch nicht unbedingt anspruchsvoll oder überraschend, ein herrlich leichter Spaß. Schließlich mag auch aus diesem Stück der geneigte Theatergänger seine Lehre ziehen - und sei es nur die Erkenntnis, das nicht alle Pfarrersfrauen so bieder und gottesfürchtig sind wie man meinen könnte.
Von Carolin Wöhrle
Herzhaftes Futter für die Fantasie
Joan Shirleys Komödie „Die Nächsten, Liebe?" hatte am Sasse-Theater Heidenheim Premiere
Es ist ein Kreuz mit dem Geld: Immer ist es gerade weg, wenn man es am dringendsten braucht. In „Die Nächsten, Liebe?" findet die pralle Weiblichkeit einen Weg, viel Geld auf augenscheinlich vergnügliche Weise zu verdienen. Jetzt hatte das Stück im Sasse-Theater Heidenheim Premiere.
Dem Pfarrer Dietmar Schulz (Robert Anders) mag der Kaffee nicht mehr schmecken: Um die schmale Haushaltskasse zu füllen, reüssiert seine Frau Bettina (Erika Welches) als Autorin. Pornos, sagt er; erotische Literatur, sagt sie. Als der Geistliche für vier Wochen verreist, erscheint zunächst der etwas zwielichtige Joe (Robert Makowitzki) und dann eine Idee: Bettina und ihre Freundinnen könnten binnen kurzem viel Geld verdienen, wenn sie das Pfarrhaus nur in ein Edel-Bordell verwandelten. Die handfesten schwäbischen Hausfrauen halten sich nicht lange mit Grübeln auf sondern machen sich an die Umsetzung, schließlich sind Babsi (Heidi Pfeffer), die an ihren Gummistiefeln hängende Fünffachmutter Kathi (Birgit Seidenleder) und die Teenager-Touristin Cindy (Laura Becker) noch ein gutes Stück von verruchten Verführerinnen entfernt. Das freilich ändert die erfahrene Hostess Selina (Sabine Reiner) rasch. Bleibt nur noch die robuste Kirchenpflegerin Berta Bäuchle (Rita Ruoff), die ein klein wenig getäuscht werden muss.
„Die Nächsten, Liebe?" ist nicht gerade eine subtile Komödie. Vielmehr greift das Stück von Joan Shirley ins pralle Leben, und es ist ein großes Vergnügen zu sehen, wie die Sasse-Damen, allen voran Erika Welches, nach und nach nicht nur die biederen Kleider abstreifen, sondern auch alle (gespielten) Hemmungen. Dabei ist es ein Glück, dass das Stück ohne Verklemmtheiten auskommt und dennoch keine plumpe Sex-Klamotte wird. Neben Welches\' gekonnt lakonischem Spiel ist nicht zuletzt die Verwandlung der Kathi von der Bäuerin („Egal, ob überm Fass oder im Heu, ich werd\' immer schwanger") zur Erotik-Fachkraft besonders sehenswert, gerade weil im besten erotischen Sinne aber auch alles der Phantasie des Betrachters überlassen bleibt ... In der zweiten Hälfte könnte zwar der Text an einigen Stellen noch etwas pointierter sein, das aber macht das gesamte Ensemble mit viel Einsatz wieder wett, sodass „Die Nächsten, Liebe?" knapp zwei Stunden lang absolut kurzweilige und streckenweise fabelhafte Unterhaltung bietet.
Jens Eber

